Erinnerungen (by Sibylle)

Summary:  Adam und Ben denken beide aus gegebenem Anlass an ihre gemeinsame Fahrtzeit zurück (1844).

Rated: K+  WC 4000

 

Erinnerungen

Hoss hatte gerade sein Milchglas angehoben und betrachtete mit einer Mischung aus Unglauben und Entsetzen, was mit seiner Milch vorging.

Sie war plötzlich helllblau geworden und schäumte und sprudelte in seinem Glas.

Der Achtjährige war völlig verblüfft, „Pa?” fragte er mit unsicherer Stimme.

Schon begann die Milch über den Rand herauszuschäumen und am Glas herunterzufließen. Ben starrte auf das Glas und auch Marie drehte sich zum Tisch, weil Little Joe, den sie gerade zu füttern versuchte, begeistert in die Hände klatschte und sich zur Seite lehnte, um besser an ihr vorbeischauen zu können. „Blubber, blubber!” rief  er und deutete fröhlich aus seinem Hochstuhl auf das schäumende Milchglas. Adam sah Hoss´ fassungsloses Staunen und brach in Gekicher aus.

Hoss stellte sein Glas nun abrupt ab, als hätte es ihn gebissen, und verschüttete dabei eine Menge der blauen Flüssigkeit auf den Tisch und auf seinen Teller mit Rührei.

Die Milch schäumte immer noch wie in einem Topf in einer Hexenküche und verteilte sich weiter auf dem Tisch. „Mon dieu, was für ein Chaos!” Marie hob den Brotkorb hoch, der in der blauen Milch stand und nun heftig tropfte. „Hoss, lauf schnell in die Küche und hole einen Lappen!” Sie ergriff mit der anderen Hand das Milchglas und stellte es auf ihren Teller, aber das war jetzt auch egal, denn es war nur noch ein kleiner Rest Milch im Glas. „Schade um die schönen Croissants”, klagte Marie mit einem Blick auf das feuchte Backwerk, „ wie ärgerlich, all die Mühe heute morgen umsonst.”

Hoss war mit dem Lappen zurück und Marie begann den Tisch abzuwischen und die dort stehenden Sachen zur Seite zu räumen. Ben hatte sich während der ganzen Hektik nicht gerührt, stattdessen hatte er seinen ältesten Sohn am gegenüberliegenden Ende des Esstisches mit zusammengezogenen Augenbrauen misstrauisch gemustert. Adams Vergnügen über die Situation schien etwas weniger geworden zu sein, er half nun Marie, indem er das Geschirr zur Seite rückte.

„Adam!”

Der Vierzehnjährige sah hoch und ihm war klar, dass seinem Vater sein kleiner Streich nicht gefallen hatte. Das Grinsen verschwand aus seinem Gesicht.

„Bist du für diese Schweinerei verantwortlich?”

„Mh, Sir, für die Milch schon, aber nicht dafür, dass Hoss sie umgeschüttet hat”, antwortete er und hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen, aber die Antwort ließ sich nicht mehr zurückholen.

„Willst du jetzt auch noch die Schuld auf deinen kleinen Bruder schieben, das ist ja unglaublich! Was hast du mit der Milch gemacht?” Ben hatte jetzt den Lautstärkepegel erreicht, der zeigte, dass er zornig war.

Marie nahm den zweijährigen Joe, der erschreckt von dem plötzlichen Stimmungsumschwung seine Arme seiner Mutter entgegenreckte, aus dem Hochstuhl und drückte ihn an sich, inständig hoffend, dass es nicht zu einer Eskalation der Situation zwischen ihrem Mann und ihrem ältesten Stiefsohn kam.

„Wir haben in der Schule Experimente gemacht und da …, da habe ich ein bisschen was mitgenommen und hab es in Hoss´ Milch …. Es war doch nur ein kleiner Streich, Pa. Was ist denn schon Schlimmes dabei?”                        Marie hielt die Luft an, das war eindeutig die falsche Antwort für Ben.

„Meinst du, Lebensmittel sind dazu da, dass man damit Experimente macht oder dumme Streiche? Dass man sie vergeudet und verdirbt?” donnerte Ben los. „Hältst du es für nichts Schlimmes, dass unser Sonntagsfrühstück so endet! Dass das, was Marie für uns gebacken hat, nun weggeworfen werden muss? Ich glaube, du hast in letzter Zeit die Maßstäbe verloren für das, was wichtig ist und was nicht.”  Ben musterte seinen Sohn mit gerunzelter Stirn aus ärgerlich zusammengekniffenen Augen. Adam war zwar blass geworden, hielt aber dem Blick seines Vaters stand, was Ben nur noch mehr aufregte.

„Damit du wieder lernst, dein Essen zu schätzen, das du hier täglich bekommst, wirst du heute auf alles, was nicht unbedingt nötig ist, verzichten: kein Braten und kein Nachtisch heute Mittag und zum Abendessen nur trockenes Brot. Vielleicht bringt dich das zum Nachdenken über den Wert von Lebensmitteln!Und jetzt geh raus und spann die Kutsche an, dass wir nicht noch zu spät zur  Kirche kommen”, Ben machte eine Geste, die Adam zeigte, dass das „Gespräch” beendet war.

„Und du, Hoss, kannst meine Eier haben, die Eier auf deinem Teller kann man dank deinem Bruder nicht mehr essen.” Und damit reichte Ben Hoss seinen Teller und würdigte seinen Ältesten keines Blickes mehr.

Adam  biss sich auf die Unterlippe, um nicht zu zeigen, wie sehr er in seinem Stolz durch das Ausgeschimpftwerden vor seinen jüngeren Brüdern getroffen war, stand wortlos auf und drehte dem Tisch mit seiner Familie den Rücken zu. Er ließ die Haustür geräuschvoll ins Schloss fallen, allerdings nicht so laut, dass man behaupten konnte, er habe die Tür geknallt. Er war gekränkt über die Behandlung, aber nicht lebensmüde.

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Der Gottesdienst verlief ohne weitere Vorkommnisse oder Pannen, was bei drei Jungen nicht selbstverständlich war. Ben gab nach dem Gottesdienst Hoss und Adam ihr wöchentliches Taschengeld und ließ ihnen wie üblich die anderthalb Stunden vor der Rückfahrt Zeit, damit sie sich mit ihren Freunden treffen konnten.

Adam hatte seit dem Frühstück nicht mehr gesprochen und Marie ärgerte sich über die  verdorbene Stimmung an diesem vielleicht letzten schönen Herbstsonntag.

„Ben, musst du mit Adam denn immer gleich so streng sein? Er ist schließlich ein Junge. Kannst du ihm denn nicht mal eine Dummheit durchgehen lassen?”

Ben sah seine Frau missbilligend an: „Es waren unter anderem deine Croissants und deine Arbeit, die er zu nichte gemacht hat. Ich weiß nicht, warum du mir jetzt in den Rücken fällst! Du warst schließlich selbst sauer auf ihn!” „Ja, natürlich, aber es hätte gereicht, ihm zu sagen, dass es falsch war. Adam hätte es bestimmt eingesehen und sich entschuldigt und alles hätte wieder normalement sein können. Ja, c´est vrai, Adam hat das schöne Sonntagsfrühstück, für das ich extra gebacken hatte, mit seinem dummen Experiment zerstört, aber durch deine Maßnahme verdirbst du uns jetzt zwei weitere Mahlzeiten und so den ganzen Tag, Benjamin.” „Ich will und ich werde es nicht dulden, dass der Junge meint, mit Lebensmitteln könne man ungestraft so umgehen, Marie! Dazu habe ich und mit Verlaub auch er zu schlechte Zeiten erlebt. Mit einer schnellen Entschuldigung ist es nicht getan, es geht hier ums Prinzip! Und er soll es nur wagen motzig zu sein und uns die Mahlzeit zu verderben!”

„Oh ja, mit deinen Drohungen wirst du die Stimmung unbedingt heben!” konterte Marie ärgerlich.

Sie war sich bewusst, dass der Krach, den sie mit Ben angefangen hatte, kontraproduktiv für ihre Ziele war, aber sie ärgerte sich nun mal über ihren Mann, der manchmal ein so ungeheurer sturer Prinzipienreiter war und sich zudem von Adams vorlauten oder frechen Bemerkungen so schnell provozieren ließ.

Marie hatte sich vorgenommen in der Woche, in der Hop Sing weg war, ganz besonders gut für das leibliche Wohl ihrer Familie zu sorgen. Manchmal nagte es nämlich schon an ihrer Ehre als Hausfrau, dass Hop Sing das Sagen in der Küche hatte, und sie wünschte sich, dass ihre Familie wahrnahm, dass sie durchaus auch eine gute Köchin war. Gerade für den Sonntag hatte sie einiges vorbereitet, das jetzt wahrscheinlich niemand würdigte.

„Entschuldige mich Ben, aber ich sehe gerade Sarah Devlin, ich denke, du hast nichts dagegen, wenn ich mich heute auch noch ein wenig nett unterhalten will”, flötete Marie und drehte ihrem Mann brüsk mit raschelnden Röcken den Rücken zu.

„Sarah, oh wie niedlich sieht dein Mitch aus, was für eine hübsche neue Jacke er hat.” Und damit waren die beiden Frauen in ein Gespräch über Schnittmuster, Knöpfe und Borten vertieft.

Ben blieb mit finsterer Miene zurück, er würde sich nicht reinreden lassen, wie er seine Söhne erzog! Er kannte Adam besser und wusste, was richtig für ihn war! Adam war nicht so leicht zu handhaben wie Hoss, man musste gegenhalten, damit der Junge ins Überlegen kam! Seine Frau hatte keine Ahnung!

Ben schüttelte sich leicht und sah sich um. In einiger Entfernung stand Ronald Devlin, sie hatten noch einiges wegen des nächsten Viehtriebs zu besprechen. „Warum nicht jetzt?” dachte er und steuerte auf ihn zu.

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Marie hatte den Braten im lauwarmen Rohr stehen gehabt, sodass sie schon eine halbe Stunde nach ihrer Rückkehr essen konnten. Ben tranchierte den Braten, wie er es immer tat, und verteilte die Scheiben auf die Teller mit Ausnahme von Adams.

Der Junge sah während des gesamten Essens nicht auf, sondern aß stumm mit gesenktem Blick seine Kartoffeln mit Mais. War er trotzig, gekränkt, verärgert oder nur bemüht, Gutwetter zu machen? Schwer zu sagen, dachte Ben.

Das Essen verlief schweigsam. Schließlich stand Marie auf und brachte aus der Küche einen großen Schokoladenkuchen zum Nachtisch. Hätte Ben nicht Adam gegenüber gesessen, so wäre ihm das unwillkürliche Aufleuchten in Adams Augen beim Anblick des Kuchens wahrscheinlich entgangen und das schnelle Senken der Augenlider, bevor er rasch wegsah.

Adams Miene wirkte unbeteiligt und völlig beherrscht, als er kurz darauf fragte, ob er aufstehen dürfe. „Nein, du bleibst, bis alle fertig sind mit essen.” Der Junge nickte kurz und ergeben und blieb dann regungslos sitzen. Die Luft war so dick, dass man meinte, sie schneiden zu können.

Warum hatte er ihn nicht gehen lassen?, fragte sich Ben. Weil er sich über Marie geärgert hatte, das war klar. Aber war da noch etwas anderes? Der Junge wirkte nicht trotzig und hatte höflich gefragt, das war es nicht. Warum hatte ihn das schnelle Abwenden des Blickes so irritiert und dieses Senken der Augenlider?

„Hoss, möchtest du noch ein Stück Kuchen?” „Nein danke, Ma. Ich bin satt” murmelte der großgewachsene Achtjährige.

Marie sah anklagend zu Ben, der sein Stück Schokoladenkuchen aß, ohne ihm überhaupt Beachtung zu schenken, und mit zusammengezogenen Brauen in Gedanken versunken zu sein schien. Genau das hatte sie befürchtet, sie legte ihre Gabel auf ihren Teller zu ihrem halb gegessenen Stück Kuchen und hätte heulen können.

„Joseph, mon Petit, komm, wir machen jetzt einen Mittagsschlaf.” „Nein, Mama, Joe nich müde, nich slafen”, protestierte der Kleine und begann zu strampeln, als Marie ihn aus dem Hochstuhl heben wollte. „Du kannst deinen Mittagsschlaf bei uns in unserem Bett machen, Little Joe!” Mit diesem Versprechen ließ sich der kleine Junge tatsächlich ohne Gegenwehr hochheben.

Aha, dachte Ben, das war deutlich! Marie holt das Kind zu ihnen ins Bett zu einer Zeit, die sie sich am Sonntag nach dem Essen sonst ungestört zu zweit gönnten.

Ben unterdrückte ein Seufzen, ja, die Stimmung war tatsächlich verdorben.

„Räumt den Tisch ab, Jungs, und keine lauten Spiele für die nächsten anderthalb Stunden” und damit folgte Ben seiner Frau nach oben.

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Ben wachte auf mit einem unangenehmen Gefühl der Beschämung und wusste für einen Moment nicht, wo er war.

Gerade noch hatte er Adam vor sich gesehen, der sehnsüchtig, aber stumm ein Glas mit Lakritz betrachtete. Er wusste, er konnte sich kein Lakritz leisten, nicht einmal die billigsten Zuckerbonbons und er fühlte sich schuldig als Vater. „Möchtest du ein Lakritz?” und die freundliche Verkäuferin reichte dem Vierjährigen ein Lakritzstück. Ben spürte wieder die Scham, dass er auf Almosen angewiesen war, dass er seinem Kind nicht einmal ein paar Süßigkeiten kaufen konnte.

Es war nur ein Traum, wurde ihm erleichtert bewusst. Er lag in seinem eigenen Bett auf seiner eigenen Ranch und hatte bei seinem Nachmittagsschlummer einfach schlecht geträumt, weil er in schlechter Stimmung eingeschlafen war. Neben ihm lag sein Jüngster und nuckelte im Schlaf zufrieden am Daumen. Ob er von dem Schokoladenkuchen träumte, dessen Spuren auf seinem Gesicht noch zu sehen waren? Marie hatte ihnen den Rücken zugewendet und schien auch fest zu schlafen. Ben legte sich wieder zurück.

Warum hatte er von Adams Kindheit geträumt? Er wusste plötzlich, es waren Adams Augen, die ihn zu diesem Traum geführt hatten. Der sehnsüchtige Blick, das Aufleuchten, als er bekam, was er sich gewünscht hatte. Aber was war daran Besonderes, diese Freude konnte er auch in Hoss´ Augen sehen, auch solch begehrliche Blicke. Allerdings waren die bei Hoss immer gekoppelt mit direkten Fragen, mit Bitteln und Betteln um Geld für Süßigkeiten.

Hatte Adam je um Süßigkeiten gebettelt? Heutzutage wüsste er nicht, dass er von sich aus in der Stadt überhaupt um etwas fragte. Selbstverständlich gab er, wenn Hoss sich etwas erbettelt hatte, Adam der Gerechtigkeit halber auch dasselbe Geld, manchmal sogar mehr, weil er älter war, aber er erinnerte sich nicht, dass Adam je von sich aus nach Extras gefragt hätte.

Joe bettelte auch, alle kleinen  Kinder taten es, überlegte er weiter.

Wann hatte Adam aufgehört, es zu tun? Sein Traum war realistisch, bemerkte er, mit vier Jahren schon hatte es nur noch sehnsüchtige Blicke gegeben. Blicke, die ihm durch Mark und Bein gegangen waren. Und dann, wo waren diese verräterischen Blicke hin verschwunden? Sie gab es  schon ein Jahr später bestimmt nicht mehr, als er fünf war, stattdessen ein schnelles Senken der Augenlider, ein Wegsehen und eine unbeteiligte Miene, wenn sein Vater in seine Richtung sah. Ja, das war typisch für Adam bis heute. Ben hielt es nicht mehr aus im Bett, er fühlte sich furchtbar unruhig, er setzte sich auf die Bettkante.

Er hatte nie darüber nachgedacht, es einfach hingenommen, dass Adam ein bescheidenes Kind war, doch jetzt wurde ihm plötzlich klar, was sein Junge schon als kleines Kind für ihn geleistet hatte: Um ihm kein schlechtes Gewissen zu machen, um ihn nicht zu beschämen, hatte er seine Wünsche vor ihm verheimlicht! Ben stand auf und trat ans Fenster.

Was hatte er seinem Sohn alles abverlangt? Und wie sehr hatte das Kind noch versucht, ihm zu helfen anstatt umgekehrt? Er spürte, wie sich seine Kehle zusammenzog.

Ben zog sich energisch die Stiefel an. „Was ist los, Benjamin?” murmelte seine Frau schlaftrunken. „Ich muss nochmal weg, Marie, ich werde es vor dem Abendessen nicht schaffen, bitte wartet nicht auf mich.” Marie sah ihn fragend an. „Bitte, Marie, lass mich! Ich habe etwas vergessen, aber mach dir keine Sorgen. Ich werde vor Einbruch der Dunkelheit zurück sein.”

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„Pa?” Ben schaute sich auf die leise Frage hin um und sah im Dämmerlicht der Scheune Adam auf der Haferkiste sitzen. Er schlang die Zügel seines Pferdes um einen Balken.

„Was ist, mein Junge?” Ben näherte sich seinem Sohn und sah, dass er etwas Hafer von Hand zu Hand gleiten ließ. „Ich habe auf dich gewartet. Pa, es tut mir leid wegen der Milch heute morgen. Ich habe nicht nachgedacht, entschuldige!” „Es ist gut, mein Junge.” „Pa, ich musste an die Zeit denken, als wir …” und er öffnete die Hand, in der die Haferkörner lagen. „Damals, Pa, wäre ich tatsächlich froh gewesen um die Milch. Es fiel mir plötzlich ein, als ich die Pferde gefüttert habe”, sagte er leise den Blick noch immer auf den Körnern in seinen Händen.

Ben sah wieder den spelzigen, fast ungenießbaren Brei vor sich, den er aus dem Futterhafer mit Wasser und Salz gekocht hatte. Es war der Tiefpunkt ihrer Reise nach Westen gewesen. Das Pferd hatte sich einen Stein eingetreten und lange Zeit gelahmt und er selbst hatte eine Woche Fieber gehabt und sie waren nicht weiter gekommen, so waren ihre Nahrungsvorräte zu schnell aufgebraucht gewesen und der Hafer fürs Pferd war buchstäblich alles, was sie noch hatten. Da er nicht wusste, ob er Jagdglück haben würde, und sie durch Jagen noch mehr Zeit auf dem Weg zur nächsten Siedlung verloren hätten, hatte er entschieden, dass es der Hafer tun musste. Sie hatten damals drei Tage gebraucht. Seitdem  hatten sie nie mehr darüber gesprochen und er hatte gehofft, dass sein Sohn diese Zeit aus seinem fünften Lebensjahr längst vergessen hätte. Ben legte eine Hand auf Adams Schulter. „Ich bin so froh, mein kleiner großer Junge, dass wir, Marie und deine kleinen Brüder jetzt immer genug zu essen haben. Gott gebe, dass es so bleiben möge. Und ich bin stolz auf dich, dass du deinen Fehler eingesehen und dich entschuldigt hast.” Ben drückte einen vorsichtigen Kuss auf den Scheitel seines Sohnes. Adam strich sich schnell durchs Haar, wo der Kuss gelandet war, schien aber nicht wirklich verstimmt deswegen.

„Adam, bitte versorge mein Pferd. Ich werde schnell eine Kleinigkeit essen und dann Hoss seine Gutenachtgeschichte vorlesen. Danach würde ich gern mit dir noch reden, denn auch ich habe über unsere gemeinsame Wanderzeit nachgedacht.”

Adams Blick war fragend: „Bist du noch böse auf mich, Pa!” „Nein, im Gegenteil, mein Junge.”

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Ben legte seine Satteltaschen und seinen Revolvergurt auf die Kommode und hängte seinen Hut auf. „Marie, ich bin zurück!” rief er.                                „Ich bade gerade Joe, komm in die Küche.”

Ben folgte der Stimme. „Ist das für mich?” er deutete auf einen Teller mit kaltem Braten, Brot und Butter. „Ja”, sagte Marie, während sie Joe aus dem Zuber hob und in ein Handtuch hüllte. „Wie war euer Abendessen?” fragte Ben, während er sich an den Küchentisch setzte und zu essen begann, „dein Braten ist übrigens hervorragend!” „Nun ja, besser als das Mittagessen. Adam hat sich an deine Trockenbrotregel gehalten, hat aber trotzdem ganz normal mit uns gesprochen. Trotzdem Ben, es bleibt einem der Bissen im Hals stecken, selbst Hoss.” „Es tut mir leid, Marie, ich wollte deinen Tag nicht verderben.”

„Gib deinem Papa einen Gutenachtkuss, Joe! Mama bringt dich rauf und wir lesen noch eine schöne Geschichte.” Marie trat mit dem frisch gewickelten und in ein warmes Nachthemd gekleideten Joe im Arm an Ben heran und der kleine Junge legte seine Arme um Bens Hals und gab ihm einen feuchten Kuss. „Gute Nacht, Joe, schlaf gut!”  Ben erwiderte den Kuss.          „Wo ist eigentlich Hoss?” „Er macht sich bettfertig, er wird runterkommen, wenn er soweit ist.” Und damit war Marie gegangen.

Als Marie die Küche verlassen hatte, stand Ben schnell auf und setzte einen halben Liter Milch auf. Während die Milch warm wurde, holte er vier Teller und verteilte vier große Stücke von Maries Kuchen darauf. Schließlich füllte er die warme Milch in zwei große Tassen und fügte reichlich Honig hinzu und rührte kräftig um. Dann brachte er alles auf einem Tablett zum Tisch vor dem Kamin. Zum Schluss goss er noch zwei Gläschen Brandy ein und legte Holz im Kamin nach.

In diesem Augenblick kam Adam ins Haus, sein Blick fiel auf den gedeckten Couchtisch und er steuerte schnell die Treppe an. „Ich bin in meinem Zimmer, Pa, wenn du noch mit mir sprechen willst.”  „Hey Adam, ich dachte, du hättest vielleicht auch Lust auf ein Stück Kuchen und würdest vielleicht auch zuhören wollen, wenn  ich Hoss vorlese”, sagte Ben, während er weiter im Kamin hantierte. „Oh, … sicher, gern, Pa”, antwortete der Junge zögernd und kam langsam Richtung Kamin.

„Kuchen, Pa? Es gibt Kuchen für uns alle als Betthupferl!” jubelte in diesem Augenblick eine frohe Kinderstimme und Hoss kam polternd im Bademantel die Treppe runtergerannt und setzte sich erwartungsvoll auf seinen Platz aufs Sofa, wo er immer saß, wenn sein Vater vorlas. Adam setzte sich in den blauen Sessel. „Lasst es euch schmecken, Jungs! Ich hole nur gerade das Buch.”

Adam blickte seinem Vater verwundert hinterher, als er nicht zum Regal ging, sondern ein Buch aus seiner Satteltasche holte.

„Pa, du hast ja sogar Honig in die Milch getan”, stellte Hoss zufrieden schlürfend fest.

Wieder traf Ben ein verwunderter Blick seines ältesten Sohnes.

„Ja, Hoss, ich habe heute viel an die Zeit gedacht, als Adam und ich und dann wir drei unterwegs waren, und da fiel mir wieder ein, wie gern ihr beide süße Milch getrunken habt.” Ben nickte Adam zu und dieser lächelte zurück. Beide wussten, dass es nicht gerade ein alltägliches Getränk auf ihrer Fahrt gewesen war, aber in der Tat ein hoch geschätztes.

Adam nippte gerade an seiner heißen Milch und Hoss kaute mit vollen Backen, als Ben zu lesen begann. Er hatte den Einband extra so gehalten, dass man den Titel nicht lesen konnte. „Tom Sawyer”, durchfuhr es Adam, „das Buch, auf das ich schon gewartet habe. Es ist ganz neu herausgekommen. Wo hat Pa es nur plötzlich her?” Aber gleichzeitig fühlte er sich, wie sich eine Katze fühlen musste, wenn sie zu schnurren begann, satt, zufrieden und ganz und gar sicher aufgehoben.

Ben sah beim Lesen hoch und freute sich, dass die Überraschung gelungen war, Adam wirkte so entspannt und glücklich in seinem Sessel, wie er ihn selten gesehen hatte.

Während des Lesens hatte sich Marie zu ihnen gesellt, ohne zu unterbrechen. Sie sah die leeren Kuchenteller ihrer Familie und fragte sich, warum alles so kompliziert hatte sein müssen, und war froh, dass der Haus und- Familiensegen endlich wieder gerade hing.

Nach den ersten drei Kapiteln beendete Ben das Vorlesen. „Hat es dir gefallen, Hoss?” „Ja, dieser Tom, das ist schon einer, der kommt vielleicht auf Ideen. Liest du morgen weiter, Pa?”

„Ja sicher, es wird jetzt schon ziemlich früh dunkel, da können wir abends vielleicht immer ein bisschen mit der Familie zusammen sitzen und vorlesen oder Adam?” Ben hoffte, dass sein Ältester zustimmen würde, mit vierzehn Jahren war das nicht so sicher. Aber Adam nickte nachdrücklich.

Marie geleitete Hoss, nachdem er allen Gutenacht gesagt hatte, nach oben.

„Danke, Pa”, sagte Adam, als die beiden außer Hörweite waren. „Bitte, mein Junge. Geh doch mal und hole aus meiner linken Satteltasche die zwei Päckchen und bring sie mir.” „Sicher, Pa.”

Adam brachte eine große gedrehte Tüte und ein kleines viereckiges Päckchen und legte sie auf den Tisch.

„Die sind für dich.” Adam sah seinen Vater fast entsetzt an. „Warum, Pa? Ich habe doch keinen Geburtstag.” „Es ist für all die Male, wo ich dir nichts Richtiges zum Geburtstag habe schenken können und für all die Male, wo du schon als kleines Kind klaglos verzichtet hast.” „Pa, ich habe nichts vermisst in meiner Kindheit, wirklich nicht!”

„Doch Junge, das hast du, gemessen an dem, was andere Kinder, was deine Brüder haben. Ich denke, ich bin dir einfach was schuldig.” Adam wirkte verlegen. „Es ist Sonntag, Pa, wie kommst du heute an Geschenke?” fragte er ablenkend. „Wenn einem was wirklich wichtig ist, Junge, dann findet man Mittel und Wege. Und es ist mir wichtig! Ich glaube, ich hatte es noch viel nötiger als du, über einiges nachzudenken.”

Adam öffnete jetzt endlich die große Tüte und sah hinein. „Pa, das ist ja mindestens ein halbes Kilo Lakritz, außer dir und mir mag doch keiner Lakritz.” „Ja, dann kannst du mir ja ab und an mal was abgeben”, grinste Ben. Adam langte in die Tüte und bot seinem Vater auch davon an. Beide lutschten mit Genuss, Adam griff noch einmal zu. „Willst du das andere Päckchen nicht auch aufmachen?”

Das kleine Päckchen wirkte teuer. Adam war es beinahe unangenehm, es zu öffnen. Sein Vater konnte ihm doch nicht einfach Geschenke außer der Reihe machen. Das war doch nicht richtig! Adam löste vorsichtig den Knoten und wickelte das Papier von der kleinen Pappschachtel ab, er hielt die Luft an. Das war doch nicht tatsächlich … .

„Danke Pa!” platzte er heraus. „Woher hast du gewusst, dass ich mir solch einen neuartigen Füllfederhalter so sehr wünsche?” Adams Augen leuchteten.

„Nun ja, mein kleiner große Junge, zum Glück habe ich gelernt, auch dich ein wenig zu lesen und ich habe meine Informanten”, lächelte Ben seinem Ältesten zu. „Adam, glücklicherweise können wir uns heute mehr leisten, und ich würde mich freuen, wenn du es einfach sagst, wenn du etwas gern hättest. Es gibt Weihnachten und Geburtstage und, wenn etwas trotzdem zu teuer ist, können wir darüber reden, es beleidígt mich nicht und es ist vielleicht leichter für uns beide.” Adam war aufgestanden und umarmte seinen Vater. Ben erwiderte die Umarmung und beide verharrten so eine Weile.

Marie stand oben auf der Plattform der Treppe und beobachtete die beiden. Manchmal war sie so unglaublich froh darüber, was für eine harmonische Familie sie hatte und wie schön gerade die Sonntage waren, dachte sie zufrieden.

 

 

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Author: Sibylle

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