Der Unfall (by Sibylle)

Summary:  Little Joe hat einen schweren Unfall, während Adam auf ihn aufpassen soll (1845).  Über Rückmeldungen würde ich mich sehr freuen.

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Der Unfall

„Joe, bleib stehen, halt an!“

Adam hechtete hinter dem Dreijährigen her, der an ihm vorbei gelaufen war und nun mitten über die Hauptstraße von Virginia City rannte.

„Fang mich“, rief der kleine braunlockige Junge lachend und drehte sich zurück. „Fang mich do …“

„Neeeiiiin!“ gellte Adams Schrei.

Der Fünfzehnjährige schloss vor Schreck die Augen, als er sah, wie der Körper seines kleinen Bruders durch die Luft geschleudert wurde, erfasst von der Vorderachse eines schwer beladenen Fuhrwerks, das gerade um die Ecke gebogen kam.

Adam wartete auf den Schrei, er stand wie angewurzelt, es blieb still. Kein Schrei.

Kein Schrei seines Babybruders!

Andere Schreie, Geschrei einer Frau, des Kutschers, der laut fluchend vom Kutschbock herabsprang. „Lieber Gott, bitte nicht. Bitte, bitte nicht!“ hämmerte es in Adams Hirn.

Menschen sammelten sich in einem Kreis. Adam fühlte sich, als sei die Zeit verlangsamt, als sei er Zuschauer einer Szene, die irgendwie unwirklich war. Er musste jetzt dahin gehen, er musste sehen, was mit Joe war, er musste es tun, er musste hingehen. Adam hatte das Gefühl, als seien seine Füße festgewachsen, als könne er sie nur ganz langsam vom Boden lösen.

Adam näherte sich vorsichtig dem Kreis, die Angst schnürte ihm die Kehle zu. „Bitte, bitte lass ihn nicht tot sein!“

Da hört er leises Jammern: „Pa, Mama, aua, auaaaaa.“  Das Jammern ging in ohrenzerreißendes Gebrüll über.

Adam fühlte sich plötzlich hellwach, er drängte sich durch den Kreis, eine fremde Frau kniete auf der Straße und hielt Joe an sich gepresst und  versuchte ihn zu beruhigen.

„Little Joe, ich bin hier. Was tut dir weh?“  Der Kleine wendete sich zu  seinem großen Bruder um und Adam erstarrte. Das Gesicht des Dreijährigen war blutüberströmt, sein Hemd und auch das Kleid der Frau waren rot von Blut. Instinktiv hob Adam den Kleinen vom Schoß der Frau und nahm ihn auf den Arm und dann begann er zu rennen.

Seit ein paar Monaten erst gab es einen Arzt in Virginia City. Hoffentlich war er in der Praxis und nicht bei einem Patienten im Umland. „Lass ihn da sein, lasss ihn da sein, lass ihn da sein“, war der neue Rhythmus, der in Adams Gehirn hämmerte.

Der Warteraum war voll, Adam stürmte auf die Milchglastür zu, die ins Behandlungszimmer führte. Joes Schreien war in klagendes Wimmern übergegangen.

„Halt, junger Mann, Sie können da nicht einfach so reinplatzen!“ rief eine laute Frauenstimme und eine in Weiß gekleidete Frau trat vor die Tür, um ihm den Weg zu versperren.

„Ich muss da rein, mein kleiner Bruder verblutet.“ Adam versuchte an der Frau vorbei die Türklinke zu erreichen. Joe schrie jetzt wieder laut. Adam musste zu Doc Martin, zur Not würde er die Frau zur Seite schubsen.

Adam versuchte mit einer Körpertäuschung  nach links die Frau auszumanövrieren, während er mit Rechts nach der Türklinke griff.

„Adam, lass den Unsinn!“ tönte eine befehlende Stimme von hinten.

„Bitte, Schwester, können Sie Bescheid sagen, dass wir dringend Hilfe brauchen“, fügte Ben Cartwright höflich hinzu.

„Pa, Pa“, schluchzte Joe und streckte seine Arme seinem Vater entgegen, der jetzt neben ihnen im Wartezimmer stand.

„Gib ihn mir, Adam.“

Ben betrachtete prüfend und voller Angst das Gesicht des Kleinen.

„Nicht weinen, Little Joe, dein Pa ist ja jetzt bei dir. Es wird alles wieder gut. Der Doktor wird dich wieder gesund machen“, redete Ben  beruhigend und tröstend auf seinen jüngsten Sohn ein, während er mit einer Hand nach einem sauberen Taschentuch in seiner Hosentasche suchte.

„Pa, ich, ich ……“

„Über dich können wir nachher reden, Adam. Ich muss mich jetzt um Joe kümmern“, sagte Ben kurz angebunden, während er sein Taschentuch fest auf die Platzwunde in der Augenbraue des Kleinen drückte.

„Kommen Sie bitte hier herein mit ihm“, der Arzt hielt von innen die Tür zum Nebenzimmer auf.

Adam stand im Wartezimmer, seine Knie fühlten sich weich an.

„Möchtest du dich setzen, Junge. Du siehst ganz blass aus.“ Eine ältere Frau war aufgestanden und bot Adam ihren Sitzplatz an.

Er hatte sich eben gegenüber der Schwester sehr rüpelhaft benommen, wurde Adam mit Scham bewusst, da musste er nicht auch noch einer Dame den Platz wegnehmen. Das gehörte sich nicht. „Nein, danke, Ma´am, bitte behalten Sie doch Platz“, sagte er so höflich wie möglich. „ Es ….“ Da war ein fürchterlicher schriller Schrei aus dem Nebenzimmer zu hören.

„Ich, …ich glaube, ich möchte lieber ein bisschen an die frische Luft!“ Adam stürzte aus der Arztpraxis.

Auf der schmalen Treppe, die zur Veranda des Hauses hoch führte, saß sein anderer Bruder und war dabei, seine Stiefel anzuziehen.

„Adam, was ist denn passiert?“

Pa und er waren gerade dabei gewesen, beim Schuster ein paar neue Stiefel für ihn anmessen zu lassen, als eine Frau hereingestürzt kam und nach Pa gefragt hatte. Sie hatte etwas von einem Unfall und Joe gerufen. Pa hatte entsetzt geguckt und, als er erfahren hatte, dass Adam Joe zum Arzt gebracht hatte, war Pa losgerannt und er auf Strümpfen hinter ihm her, seine alten Stiefel in der Hand. Hoss sah seinen großen Bruder mit ängstlicher Spannung an.

„Geh mir aus dem Weg, Erik. Lass mich durch!“ Adam quetschte sich an seinem Bruder vorbei.

„Aua, warte doch einfach bis ….“ Noch bevor Hoss es sich versah, war Adam an ihm vorbei die Treppe heruntergerannt und die Straße entlang gelaufen und nun außer Sichtweite.

Hoss saß völlig verblüfft auf der Treppe. Wann hatte Adam ihn je bei seinem Taufnamen genannt? Die Welt um ihn lief falsch und er wusste nicht, was er tun sollte. Also tat er das, was sein Pa ihm gesagt hatte, hier bleiben und warten. Dass er weinen sollte, hatte Pa nicht gesagt, aber trotz seiner neun Jahre konnte er die Tränen nicht mehr länger zurückhalten, hier allein vor der Tür und ohne zu wissen, was Schreckliches mit Joe vorging oder warum Adam einfach weggelaufen war, und es sah ja auch zum Glück niemand, dass er heulte, da er seinen Kopf auf die Knie gelegt hatte

……………………………………

„Marie, er wird heimkommen! Bestimmt, mach dir keine Sorgen.“ Ben war in seinem rastlosen Auf- und Abgehen bei seiner Frau stehen geblieben, die während ihrer Näharbeit jetzt bestimmt schon das zwanzigste Mal zur Standuhr geblickt hatte. „Du machst dir doch selbst Sorgen, Ben. Du hast immer Angst um deine Jungs!“ Marie musste trotz ihrer sichtbaren Anspannung unwillkürlich lächeln.

„Du läufst seit einer Stunde hier herum, wie ein eingeschlossener Tiger.“

„Wahrscheinlich hast du Recht,“ gab Ben seufzend zu, „aber diese Angst ist völlig irrational, sie hat nichts zu bedeuten, weißt du?“ sagte er beschwörend. „Adam ist schließlich zu Fuß unterwegs, er braucht mindestens drei Stunden von Virginia City nach Hause.“ Ben lächelte seiner Frau breit und beruhigend zu.

„Es ist jetzt aber fast acht Stunden her, seitdem ihr zurückgekommen seid, und du hast den Weg nach Virginia City zu Pferde abgesucht.“

Ben machte sich Sorgen, seine Frau hatte recht. Natürlich machte er sich Sorgen. Anfangs war er eigentlich nicht beunruhigt gewesen, sondern eher verärgert, als Adam nicht im Mietstall bei ihrem Buggy gewesen war, wo er gehofft hatte, ihn anzutreffen. Hoss hatte ihm erzählt, dass Adam einfach weggegangen war, ohne mit ihm zu reden. Er musste Joe nach Hause bringen. Wieso konnte Adam nicht einfach zur Stelle sein, er wusste doch, dass Little Joe verletzt war?

Ben konnte mit dem verletzten Kind nicht lange warten, er hätte Adams Hilfe gut brauchen können. So musste er kutschieren und gleichzeitig den Jungen halten. Wohin war Adam nur verschwunden? Nun, wenn er zu Fuß nach Hause laufen musste, würde es ihm eine gute Lehre sein, sich nicht einfach wortlos davonzumachen, dachte Ben auf dem Rückweg.

Als die Aufregung um Joe etwas abgeebbt und Adam zum Abendessen immer noch nicht zu Hause war, hatte er schließlich aus Hoss genauer herausbekommen, wie das Treffen vor der Praxis abgelaufen war.

Ab da hatte Ben begonnen sich ernsthaft Sorgen zu machen. Er war den Weg nach Virginia City zurückgeritten und hatte Adams Pferd als Handpferd dabei in der Hoffnung, dass der Junge wenigstens jetzt auf dem Rückweg war, wo immer er in der Zwischenzeit auch gesteckt hatte. Ben war durch die Stadt geritten und hatte sich nach seinem ältesten Sohn erkundigt. Er hörte mehrere Berichte, wie Adam versucht hatte, Joe noch rechtzeitig zu greifen. Wie geistesgenewärtig er seinen kleinen Bruder sofort zum Arzt gebracht hatte, aber seitdem war er nicht mehr gesehen worden.War der Junge kopflos in die Wildnis gelaufen? Ben bedauerte, dass er beim Arzt so schroff zu ihm gewesen war.

Jetzt war es nach 10 Uhr und stockdunkel. Ben seufzte, setzte aber schnell wieder eine gefasste Miene auf, als er den fragenden Blick seiner Frau auf sich gerichtet fühlte. Ben bemerkte jetzt, dass er schon wieder hin- und hergelaufen war, und blieb stehen und lächelte seiner Frau wieder breit zu.

„Marie, Adam braucht einfach ein bisschen Zeit für sich, er hat das immer gebraucht, wenn ihn etwas durcheinander gebracht hat. Er ist aufgewühlt, aber die Vernunft wird siegen. Du weißt doch, was für ein vernünftiger Junge er ist. Er wird keinen Unsinn machen, er kommt bestimmt nach Hause.Er wird jeden Moment hier auftauchen.“

„Ich mache mir nur etwas Sorgen, weil ich es nicht mag, dass er allein im Dunkeln unterwegs ist“, entschlüpfte es Ben gegen seinen Willen.

„Ach Ben, du bist unverbesserlich. Wem willst du eigentlich was vormachen?“ dachte Marie. Sie war aufgestanden und hinter Ben getreten und begann seine verspannten Schultern zu massieren. Ben drehte sich um und nahm seine Frau in den Arm und küsste sie.

„Marie, lass uns dankbar sein, dass Joseph mit dem Schrecken und ein paar Stichen davon gekommen ist. Es hätte so viel schlimmer kommen können. Und wenn Adam da ist, werde ich ihm was erzählen, uns so in Angst und Schrecken zu versetzen.“ Ben war bemüht, den selbstsicheren Patriarchen zu spielen. Marie lächelte in sich hinein und ging zum Tisch mit den Flaschen. Sie goss zwei Brandys ein.

„Wir können sowieso nur warten, vielleicht beruhigt uns das beide etwas, Ben.“

Marie setze sich aufs Sofa und Ben in seinen roten Ledersessel und sie  nippten an ihren Gläsern und versuchten beide gelassen zu wirken. Ben nahm die Zeitung hervor und Marie begann wieder zu nähen. Als Maries Blick wieder in regelmäßigen Abständen zur Uhr wanderte, stand Ben auf und setzte sich zu seiner Frau aufs Sofa. Er legte seine Hand auf ihre und stoppte sie beim Nähen. Marie sah ihn fragend an.

„Marie, du bist eine wunderbare Frau“, sagte Ben, während er seine Frau an sich zog, „ich liebe dich. Und ich liebe dich besonders, weil du dir um Adam genauso Sorgen machst wie ich.“ Er küsste sie sanft und dann saßen sie beide eng aneinandergedrückt, redeten leise und lauschten auf die Geräusche von draußen.

Die Zeit verging.

Marie sah gewiss jetzt zum fünfzigsten Mal zur Uhr, es war schon kurz vor Mitternacht.

…………………………………..

Ben stand vorsichtig auf, um Marie nicht zu wecken, die neben ihm sitzend eingeschlafen war. Die Uhr zeigte jetzt kurz nach zwei und er war sich nicht sicher, aber er meinte, dass die Pferde im Corral unruhig waren, als seien sie in ihrer Nachtruhe gestört worden.

Ben legte zur Sicherheit seinen Revolvergurt an. Es war hier draußen nie wirklich sicher, Raubtiere, Räuber, Indianer, alles war denkbar.

Er trat leise auf die Veranda und schloss schnell die Tür hinter sich, damit er im Dunkeln besser sehen konnte und nicht durch das herausfallende Licht geblendet wurde oder gar ein gutes Ziel bot.

Ihm entfuhr unwillkürlich ein Seufzer, als er im Mondschein die Gestalt seines ältesten Sohnes erkannte, der mit gefalteten Armen auf der Einzäung des Corrals lehnte und ihm den Rücken zudrehte.

Wie war der Junge gewachsen in der letzten Zeit, durchfuhr es Ben, alles Kindliche war aus seinem Körperbau verschwunden.

„Ben?“ Die Haustür öffnete sich einen kleinen Spalt und Marie sah heraus. „Er ist da, Marie. Er steht draußen am Corral. Ich werde zu ihm gehen und ihn reinholen“, flüsterte Ben und behielt Adam im Auge, als habe er Angst, dass sein Junge wieder verschwinden könnte.

„Ich mache ihm was zu essen warm“, sagte Marie leise und schloss die Tür wieder.

Ben ging langsam, aber mit festen Schritten auf  den Corral zu. Es waren die festen Schritte, die er als Maat auf der „Wanderer“ erlent hatte und die seine Angestellten und besonders seine Söhne kannten und manchmal fürchteten.

„Hi, Pa“, sagte Adam, ohne sich umzudrehen. Ben trat zu seinem Ältesten und legte ihm kurz die Hand auf die Schulter. Hatte Adam weggezuckt? Ben war sich nicht sicher.

Im Dunkeln konnte er es nicht genau erkennen, aber Adams Kleider wirkten schmutzig und sie fühlten sich feucht an, sein einer Hemdsärmel sah zerrissen aus. Ben unterdrückte seinen ersten Impuls, den Jungen mit Fragen und Vorwürfen zu bestürmen, und wartete stattdessen, dass Adam etwas sagte. Sie standen ein paar Augenblicke schweigend nebeneinander auf den Zaun gestützt.

„Wie geht es Joe?“ fragte Adam schließlich mit kratziger Stimme.

„Bis auf die aufgeplatzte Augenbraue und einige Prellungen und blaue Flecke, gut.“

Adam stieß die Luft aus, als habe er den Atem angehalten.

„Pa, wir könnten jetzt gleich in die Scheune gehen und es hinter uns bringen,“ sagte Adam nach einer kurzen Pause.

„Ich wüsste nicht, was ich in der Scheune sollte.“

„Mir die Tracht Prügel meines Lebens verpassen …. Er könnte tot sein oder sein Augenlicht verloren haben oder entstellt sein für immer“, stieß der Junge hervor.

„Nichts davon ist passiert! Er hat ein paar Stiche in der Augenbraue, aber davon stirbt er nicht und man wird später nichts oder fast nichts sehen, meint der Arzt.“

„Aber das ist reines Glück, nicht mein Verdienst, Pa! Er hatte furchtbare Schmerzen und Angst, ich habe ihn schreien gehört und ich bin schuld! Ich habe meinen dreijährigen Bruder überfahren lassen, anstatt ordentlich auf ihn aufzupassen!“ Adams Stimme überschlug sich jetzt fast.

„Meinst du, dass eine Strafe von mir dein Gewissen beruhigen würde, Junge? Glaubst du das wirklich?“ Ben versuchte seinem Sohn ins Gesicht zu schauen. „Ich weiß nicht, Pa.“ Adam klang jetzt resigniert, er lehnte mit gesenktem Kopf schwer auf der Umzäunung.

„Dass du dir selbst Vorwürfe machst, zeigt mir, dass dein eigenes Gewissen stark genug ist, dich zu leiten. Du bist kein Kind mehr, das seinem Vater verantwortlich ist, wenn es etwas falsch gemacht hat, sondern du bist dir selbst verantwortlich. Und ich denke, du spürst jetzt gerade, dass es schwieriger sein kann, mit sich selbst zurecht zu kommen als mit einem zornigen Vater, der doch am Ende auf die eine oder andere Weise die Dinge wieder gerade biegt.“ Ben legte seine Hand auf Adams Oberarm.

„Mit eigener Schuld umzugehen, Fehler einzugestehen und sie zu bereinigen, das ist ein Teil des Erwachsenseins. Das lernst du gerade. Aber manchmal, mein Junge, lädt man sich auch zu viel Schuld auf. Es war ein Unfall!“

Adam sah kurz auf und murmelte dann mit gesenktem Kopf:

„Pa, du weißt nicht alles. Ich….. ich …. habe nicht gut auf ihn aufgepasst! Im Gegenteil!“

Ben sah mit einer hochgezogenen Augenbraue zu Adam rüber.

Adam schluckte, dann hob er den Kopf und versuchte trotz der Dunkelheit seinem Vater in die Augen zu sehen. Ben wartete. Adam leckte seine Lippen, dann stieß er schnell hervor: „Ich war abgelenkt, sehr abgelenkt, ich hatte jemanden aus der Schule getroffen.“ Adam holte nach diesem Statement tief Luft, bevor er fortfuhr: „Wir haben uns unterhalten, während Joe weiter versucht hat Murmeln in ein Loch im Sand zu schnippen, wie ich es ihm gezeigt habe. Ich habe zwar ab und an zu  ihm hingeschaut, aber ich habe mich nicht mehr um ihn gekümmert, sondern nur noch um sie.“ Adams Bekenntnis war leiser und leiser geworden.

„Sie? Habe ich richtig gehört? Der Jemand war ein Mädchen? Etwa Sue Miller?“

Adam nickte nur.

Ben musste innerlich lächeln. Sein Sohn war in der Tat kein Kind mehr. Er interessierte sich für Mädchen und dass Sue Miller es ihm angetan hatte, hatte er beim Kirchenpicknick letzten Sonntag schon bemerkt. Aber offensichtlich strauchelte er noch über seine eigenen Gefühle. Das obligatorische Vater-Sohn-Gespräch musste  er wohl bald mit ihm führen. Aber hier war zunächst ein anderes Problem zu lösen.

„Was habt ihr in der dunklen Gasse gemacht, das dich so abgelenkt hat, Adam?“ fragte Ben mit einer gewissen Strenge.

„Nichts, Pa, ehrlich. Wir haben uns nur unterhalten. Und … und die Gasse war gar nicht dunkel, du kennst doch die Sackgasse neben dem Laden, und wir standen auch ganz vorn an der Straße.“

Adam spürte, dass er rot wurde. Es war ihm unangenehm, auch wenn sein Vater es bestimmt nicht sehen konnte.

„So, meinst du, dass ein Junge sich mit einem Mädchen unterhalten sollte? Mit einem Mädchen, das er sympathisch findet, wenn er es zufällig in der Stadt trifft? Mitten auf der Straße?“

„Ich weiß nicht, Pa. An sich ist es nichts Schlimmes, oder?“ fragte Adam unsicher.

Ben sah seinen Sohn lange an. Er hoffte, dass das, was er vorhatte, wirken würde.

„Nein, Junge, ich denke, es ist ganz normal. Nun, kommen wir aber zum nächsten Punkt, dein Bruder hatte einen Unfall, während du von einem Mädchen abgelenkt warst, wie du selbst sagst. Ich verlange jetzt präzise Antworten von dir, versuche keine Ausflüchte zu machen. Wie lange hast du Joe aus den Augen gelassen?“ fragte Ben mit Inquisitorstimme.

„Ich habe immer mal wieder zu ihm hingeguckt, er hat gespielt weiter hinten in der Gasse, wo es sandig ist“, antwortete Adam kleinlaut.

„Das hast du eben schon gesagt. Wie lange hast du am Stück nicht nach ihm geschaut, habe ich gefragt?“ Bens Stimme war deutlich lauter geworden.

„Nun, vielleicht immer so drei oder vier Minuten, Sir“ beeilte sich Adam zu sagen.

“Aha, du hast ihn drei bis vier Minuten nicht beobachtet, während er hinter dir in einer Sackgasse im Sand mit Murmeln gespielt hat?“

„Ja, Sir!“

„Hältst du das für unverantwortlich?“

„Uh, nun, ich weiß nicht. Ich glaube, nein“, stotterte der 15-Jährige.

„So zum nächsten Punkt: Wie abgelenkt warst du? Ist er an dir vorbeigerannt, ohne dass du es bemerkt hast?“ fragte Ben scharf.

„Ich habe es schon bemerkt, konnte ihn aber nicht mehr erwischen. Er hat das als Spiel aufgefasst und wollte, dass ich ihn fange, deswegen hat er nicht gehört, sondern ist weiter gelaufen.“´

„Kannst du ausschließen, dass Joe, wenn du neben ihm gekniet hättest und ihr zusammen mit Murmeln gespielt hättet, auch plötzlich losgerannt wäre? Hättest du ihn dann leichter zurückhalten können?“

„Nein, Pa, nicht wirklich. Und du weißt ja, dass Joe gern mal unvermittelt losrennt. So ist er nun mal.“

Ben nickte, er kannte den kleinen Wirbelwind nur zu gut.

„Du warst unmittelbar hinter ihm, als er auf die Straße zurannte?“

„Ja, und dann sah ich das Fuhrwerk und dann flog er schon durch die Luft.“

„Hast du ihn einfach liegen lassen oder hast du ihn sofort zum Arzt gebracht?“

Adam sah seinen Vater verwirrt an: „Du weißt doch, dass ich ihn zum Arzt gebracht habe, Pa.“

„Ja, Adam, ich weiß.“ Bens Ton hatte jetzt alle Schärfe verloren.

„Und jetzt zählst du bitte mal zwei und zwei zusammen und denkst mal darüber nach, ob du  wirklich für Josephs Unfall verantwortlich bist.“

Adam hob zögernd den Kopf und sein Vater war versucht, ihm durchs Haar zu fahren, beließ es aber bei einem altersangemessenen Klaps auf die Schulter.

„Weißt du, Junge, so perfekt kann niemand auf ein Kind aufpassen, dass nicht doch Unfälle passieren, besonders wenn die Kinder so lebhaft sind wie Joseph oder du selbst.

Ich jedenfalls sehe nicht, wo hier eine Schuld liegen sollte, nicht einmal Fahrlässigkeit würde ich dir vorwerfen.“

„Ich weiß nicht, Pa, es bleibt doch dabei, dass ich es nicht verhindert habe, dass mein Babybruder fast getötet wurde.“

„Ja, und dieser Schreck wird dir vielleicht lebenslang in Erinnerung bleiben, auch ohne dass du schuld daran warst. Es gibt Dinge, die man nicht verhindern kann.“ Ben versuchte wieder Blickkontakt mit seinem Sohn zu bekommen.

„Kannst du dich denn nicht mehr daran erinnern, wie du selbst beinahe mal unter ein herangaloppierendes Pferd geraten bist, als wir zwei noch allein unterwegs waren?“

„Nein, Pa. Ich glaube nicht.“

„Nun, du warst ziemlich genau in Joes Alter damals. Ich sehe es noch genau vor mir: Du standest damals stolz auf dem Bürgersteig vor der Tür einer Pension in einer kleinen  Stadt, deren Namen ich vergessen habe, bei unserem Gepäck mit dem Auftrag, es zu bewachen und dich nicht davon wegzurühren, während ich nur ein paar Meter entfernt noch weitere Sachen aus dem Wagen lud. Du warst so stolz auf deine erste Jungenhose und dein Holzgewehr und nahmst den Auftrag ungeheuer ernst. Vor der Straße hatte ich dich mehr als einmal gewarnt und du warst normalerweise ein folgsames Kind. Es gab keinen Grund zu glauben, dass du deinen Posten verlassen würdest in den paar Minuten, die ich brauchen würde, um fertig auszuladen. Und doch, ich weiß bis heute nicht, was dir in den Sinn kam, liefst du plötzlich los zur anderen Straßenseite und direkt vor dieses große braune Pferd. Wäre der Reiter nicht so geistesgegenwärtig und geübt gewesen, du würdest jetzt wahrscheinlich nicht hier stehen. Und glaub mir, ich habe damals auch einen Schreck fürs Lebens bekommen, aber auch ich habe es nicht verhindern können. Kleine Kinder können einen überraschen und sie können Gefahren noch nicht abschätzen. Das müssen sie erst lernen.“

Adam hatte sich beim Zuhören seinem Vater zugewendet.

„Nun, ich dachte, du erinnerst dich vielleicht aus einem anderen Grund an diesen Vorfall“, sagte Ben und sah fragend zu seinem Sohn, der aber nur ebenso fragend zurückschaute.

„Damals habe ich dich zum ersten Mal in deinem Leben verhauen, direkt dort auf offener Straße. Du solltest lernen, zumindest so etwas nie wieder zu tun.“

„Oh, hm….. Ich hatte immer ein anderes Ereignis im Kopf“, murmelte Adam, der jetzt rückwärts leicht mit einem Arm auf dem Corralzaun lehnte, wie er es oft tat, und  mit einem scheuen Lächeln zu seinem Vater aufschaute.

„Ich erinnere mich nur dunkel und wie an einzelne Bilder, deswegen dachte ich immer, es wäre sehr früh und wohl das erste Mal gewesen. Ich weiß nur, dass da ein Hof war und ein großer Sandhaufen und eine nette Frau und ein kleines Mädchen und dass ich sehr zufrieden war, so einen schönen Ort ganz allein gefunden zu haben. Bis du kamst…..“

“Oh ja, Junge, an den Tag kann ich mich sehr lebhaft erinnern, es war ein Sonntag. Du warst ca. vier Jahre alt und, als ich wach wurde, einfach verschwunden. Du bist heimlich und leise aufgestanden, aus dem Haus gegangen, auch das war wieder irgendeine Pension auf dem Weg hierher, und allein losgelaufen, kreuz und quer durch die kleine Landstadt. Der Platz, den du gefunden hattest, war wirklich sehr schön und friedlich und zu deinem Glück auch die Menschen dort, aber es war ein von einem hohen Zaun umgebener Hof. Du warst durch eine gebrochene Planke dort hinein gekommen und hast wunderschön mit dem kleinen Mädchen im Sand gespielt, während ich verzweifelt nach dir gesucht habe. Nirgendwo war auch nur eine winzige Spur von dir zu finden, niemand hatte einen Vierjährigen gesehen. Du warst wie vom Erdboden verschluckt. Und es gab in dieser Stadt eine Menge Leute, die durchaus in der Lage schienen, einem kleinen Kind etwas anzutun. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was für Angst ich ausgestanden habe. Erst gegen Mittag habe ich zufällig das Schild gesehen, das die Besitzer des Hofes draußen aufgehängt hatten. Schwarzhaariger Junge, Adam, gefunden.

Bens Stimme war anklagend geworden und Adam sah nach so vielen Jahren tatsächlich etwas schuldbewusst zu ihm auf.

„Ja und du hast Recht, ich war sehr böse auf dich und ich wundere mich nicht, dass du dich daran erinnerst.“

„Und das, Adam, könnte auch nach wie vor ein Grund sein, dass ich dein Alter vergesse und mit dir tatsächlich einen Ausflug in die Scheune unternehme, wenn du Dinge machst, bei denen du dich in Gefahr bringst und weswegen ich Angst haben muss um dich. So wie heute“, fügte Ben hinzu.

Adam sah betreten auf den Boden.

„Was denkst du, was wir uns für Sorgen um dich gemacht haben, mein kleiner großer Junge“, fügte er sanfter und mit leisem Vorwurf hinzu.

„Es tut mir leid, Pa. Ich wollte dich nicht ängstigen. Ich wusste nur nicht, wie ich dir oder Marie unter die Augen treten sollte….. Es tut mir wirklich leid“, Adams Stimme schien leicht zu zittern.

Ben umfasste seinen Sohn, der plötzlich gar nicht mehr so erwachsen schien, in einer festen Umarmung, die Adam ohne zu zögern erwiderte.

„Ich weiß, mein Junge, und ich bin froh, dass du gesund wieder zu Hause bist, und ich will lieber gar nicht wissen, wieso du so nass und schmutzig bist.

Auch Hoss wird sich freuen, er war sehr verwirrt durch dein Verhalten. Ja und Joe auch, er hat, bevor er eingeschlafen ist, mehrfach nach dir gefragt“, flüsterte Ben in Adams Ohr.

„Und Marie, Pa?“ fragte Adam leise und löste sich aus der Umarmung, um seinem Vater ins Gesicht zu sehen.

Er hielt wieder den Atem an.

Ben drehte Adam sanft Richtung Haus.

„Sie hat zwar kein fettes Kalb für dich geschlachtet, aber sie macht dir was zu essen warm.“

Und damit legte er den Arm um Adams Schultern und führte ihn auf die Küchentür zu, aus der ein warmer Lichtschein nach draußen drang.

 

Disclaimer: All publicly recognizable characters and settings are the property of their respective owners. The original characters and plot are the property of the author. No money is being made from this work. No copyright infringement is intended.

 

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Author: Sibylle

2 thoughts on “Der Unfall (by Sibylle)

  1. Danke für die Rückmeldung, Mumu. Das ist eine meiner ältesten Geschichten, wie schön, dass Du sie noch gefunden hast und dass sie Dir gefallen hat.

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